Historische Radfahrer Kompanie | Geschichte
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Geschichte

Einmal Radfahrer,
immer Radfahrer

Es war ein langer Weg und eine bemerkenswerte Entwicklung von den ersten „Radfahrer-Abteilungen“ zur Besorgung des Stafetten- und Ordonnanzdienstes, bis zur vollwertigen, gut ausgerüsteten, raschen, harten, zähen und stets einsatzbereiten Kampftruppe mit einem grossartigen Waffenstolz und einem beispiellosen Korpsgeist.

 

Das 1845 erfundene und in den nachfolgenden Jahren stark weiterentwickelte Fahrrad wurde ca. ab 1870 auch vom Militär entdeckt. Die Absicht, Radfahrer für militärische Zwecke zu verwenden, geht wahrscheinlich auf den Franco-Preussischen Krieg von 1870 zurück. So führten ab 1885 zahlreiche, grosse Armeen Europas wie Frankreich, Italien, Deutschland, Oesterreich, England, Russland, Schweden das Fahrrad bei ihren Truppen ein. In den frühen neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden auch das U.S. Army’s 25th Infantry Bicycle Corps und Teile des Japanischen Heeres mit Militärfahrrädern ausgerüstet.
Die Verwendung von Radfahrern zu militärischen Zwecken in der Schweiz ist auf Oberstdivisionär Pfyffer zurück zu führen. Im Truppenzusammenzug machte er bei der VIII. Division einen ersten Versuch. Das kleine Versuchsdetachement versah seinen Dienst in Zivil. Dabei führten die Radfahrer jeweils Meldefahrten bei Manövern durch. Es galt anfänglich manche Antipathien zu überwinden. Die Berittenen konnten die Radfahrer ebenso wenig leiden wie die Pferde und freuten sich sobald ein Radfahrer irgendwo im Strassengraben lag. Aber bald schlug die Stimmung um, man begann die Leistung zu schätzen und Anerkennung trat an Stelle der anfänglichen Geringschätzung. Das Parlament verabschiedete am 19. Dezember 1891 das „Bundesgesetz  betreffend Errichtung von Radfahrerabteilungen“. Aus diesem Gesetz sind folgende Bestimmungen hervorzuheben:
•    Die Sollstärke und Zuteilung der Radfahrer des Auszuges, nämlich 1 Offizier und 15 Mann beim Armeestab, 8 Mann bei jedem Armeekorpsstab und 15 Mann bei jedem Divisionsstab.
•    Die Verpflichtung, dass die Radfahrer ihre Fahrmaschinen selbst zu stellen haben, jedoch unter Ein- und Abschätzung und Leistung einer Entschädigung.
•    Der Radfahrer leistet seinen Dienst in der normalen Infanterie-Uniform mit einem Revolver als Bewaffnung..
•    Die Ausbildung der künftigen Radfahrer dauert 7 Wochen bei der Infanterie. Anschliessen erfolgt eine 3-wöchige „Spezial-Radfahrer-Schule“.

Das Meldewesen unserer Armee hatte durch die Einführung dieser neuen Truppenabteilung eine bedeutende Verbesserung erfahren. Der Unterricht in den neu geschaffenen Militärradfahrer-Kursen bezweckte ausschliesslich  die Einführung der Radfahrer in ihren Fachdienst. Durch Kartenlesen sollte der Radfahrer befähigt werden, seinen Weg nach der Karte zu finden. In diesen Kursen waren allerdings die als Lehrer eingesetzten Generalstabsoffiziere des Radfahrens nicht kundig, sie kommandierten auf dem Pferd, das war für eine gründliche Ausbildung nicht eben förderlich. Aus einem Privatbrief kann man folgenden Passus entnehmen: „Dank der Schnelligkeit waren unsere Radfahrer meist sehr rasch den Blicken ihrer Obersten entschwunden und hatten sich in den Wirtshäusern eingenistet, aus denen sie nicht so leicht wieder herauszubringen waren“. Die Disziplin dieser Spezialtruppe war zu dieser Zeit nicht zum Besten bestellt. Eine Verordnung des Bundesrates vom 5. Juli 1904 strebte für die Zukunft eine einheitliche Ausrüstung der Radfahrer mit einem vom Bund beschafften, technisch verbesserten Normalrad an. In der Folge wurde sowohl das Rad, wie auch die Ausrüstung weiterentwickelt. Die Truppenbestände wurden sukzessive ausgebaut und die Ausbildung in Bezug auf Dauer und Inhalt mehr und mehr vergleichbaren andern Waffengattungen angepasst. Das Ordonnanzrad 05,welches um die Jahrhundertwende entwickelt und ab 1904 an die Radfahrer-Kompanien abgegeben wurde, sollte fast ohne Änderungen für annährend ein Jahrhundert das lautlose Transportmittel der Schweizer Armee bleiben.

 

Bei der Generalmobilmachung im August 1914 rückten bereits insgesamt 14 Radfahrerkompanien an ihren Truppensammelplätzen ein. Während der Dauer des Krieges änderte sich der Aufgabenbereich der Radfahrer, durch den vermehrten Einsatz des Feldtelefons, zunehmend von reinen Meldefahrten zum Einüben von eigentlichen Kampfeinsätzen.

 

Der Zweite Weltkrieg war auch für die Radfahrer gezeichnet von eintönigem Manöverbetrieb, der steten Ungewissheit und der Sorge um die Angehörigen zu Hause. Unterbrochen wurden die oft langen Wartezeiten nur durch zahlreiche Verschiebungen vor allem in der zweiten Kriegshälfte.

 

Mit der Dauer des Krieges machte den Radfahrerverbänden speziell die Gummiknappheit zu schaffen. Die immer restriktiver gehandhabte Abgabe von Pneus führte zu hohen Ausfällen während den Verschiebungen und gipfelte schliesslich in der Order, kürzere Distanzen zu Fuss zurückzulegen.
Die Armeereform 1961 brachte für die Radfahrer die Unterstellung unter die Mechanisierten Divisionen. Durch die Auflösung der letzten Kavallerieeinheiten 1972, kam den insgesamt 9 Radfahrer-Bataillonen noch grössere Beachtung zu. Anfangs der Neunziger Jahre wurde im Zuge der Umrüstung auf die Kampfbekleidung 90 auch die Evaluation eines neuen, zeitgemässen Fahrrades zum Thema. Das neue Militärfahrrad 93, welches tatsächlich aber erst ab ca. 1995 an die Truppe abgegeben wurde, sorgte insbesondere für eine generell empfundene Erhöhung des Marschtempos bei Verschiebungen. Die 7-Gang Schaltung, die Rahmengeometrie sowie der gerade Lenker brachten eine Annäherung an die zivil oft benutzten Mountain Bikes. Leider hatte die Radfahrer-Truppe in der Armee XXI keinen Platz mehr und wurde 2003 nach 112 Jahren abgeschafft. Da half auch die grosse Sympathie für die Radfahrer aus der ganzen Bevölkerung nichts. Die Aufträge der Radfahrer hatten sich im Laufe der Zeit stets geändert. Ob als Übermittler, Angreifer, Verteidiger, Be- und Überwacher, stets haben sie es verstanden das Rad als Transportmittel effizient und zielgerichtet einzusetzen, im Flachland wie in den Bergen, im Gelände wie auf der Strasse. Bei klirrender Kälte oder in der Sommerhitze, die Radfahrer kamen immer ans Ziel und haben ihre Aufgaben bravurös gemeistert. Einmal Radfahrer, immer Radfahrer.

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